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Winkelfehlsichtigkeit (verstecktes Schielen)

Dieser Begriff taucht immer häufiger im Deutschsprachigen Raum auf. Leider gibt es darob ein wenig Verwirrung.
Theoretisch ist jedes sichtbare Schielen eine Winkelfehlsichtigkeit. Die Schulmedizin benutzt dafür aber lieber den Begriff Schielen oder Strabismus.
Interessanterweise besteht nur bei etwa 35% aller Individuen eine korrekte und einigermassen gleichmässige Zusammenarbeit beider Augen. Umgekehrt funktioniert das beidäugige System beim Menschen also in rund 65% aller Fälle nicht so ganz optimal. Das kann von einem leichten Ungleichgewicht über bestimmte Verkrampfungen bei Einstellbewegungen bis zur vollständigen Einäugigkeit gehen, d.h. die beiden Augen schauen überhaupt nicht miteinander, und manchmal «versauert» dabei sogar das eine noch und wird «faul» (Amblyopie).

Nach einer speziellen Lehrmeinung, die sich Mess-und Korrektionsmethode nach Hans-Joachim Haase (MKH) nennt, können in einem primär als geradeausschauend diagnostizierten Auge trotzdem die Sehstrahlen zwischen peripherem und zentralem Seheindruck unterschiedlich eintreffen. D.h. das Auge schaut aufgrund der sogenannten peripheren Verriegelung mit dem Zentrum nicht genau ins Zentrum, sondern ein wenig daneben. Dies nennen die Anhänger dieser Schulmeinung Winkelfehlsichtigkeit. Im Volksgebraucht wird gerne auch vom versteckten Schielen gesprochen, da man dem Auge ja eben nicht ansieht, dass es offenbar nicht genau zentral fixieren kann.
Das versteckte Schielen existiert auch im Schulmedizinischen Sprachgebrauch, es bedeutet aber dort ein bisschen etwas anderes, nämlich «lediglich», dass die Augen nicht miteinander arbeiten, dass man es aber nicht sieht.

Die MKH ist nach wie vor stark umstritten. Freilich können entsprechende Korrekturen sehr schöne Erfolge bringen, allerdings wissen wir häufig nicht, ob eine andere Methode nicht zum gleichen oder einem ähnlichen Erfolg geführt hätte. Das Hauptproblem der Prismenkorrekturen, welche bei einer Winkelfehlsichtigkeit nach MKH durchgeführt wird, besteht darin, dass diese Prismen oft wiederholt verstärkt werden müssen, was nicht nur zu sehr unschönen Brillen, sondern auch oft zu einem schliesslich manifesten, also sichtbaren (und nicht mehr versteckten) Schielen führt. Ein solches Schielen muss dann oft operiert werden, was allerdings häufig die ursprünglichen Beschwerden doch wieder nicht beseitigt.

Wissenschaftlich betrachtet müssen wir zugeben, dass wir eigentlich noch nicht so genau wissen, was wir mit der MKH und mit anderen Methoden ganz genau messen, und dass wir uns nach wie vor in einer Grauzone bewegen, was das Wissen über die genauen Zusammenhänge der Beschwerden bei sogenannter Winkelfehlsichtigkeit angeht.
Mit Sicherheit ist es so, dass die Messmethode nach MKH bestimmte Messfehler und Ungenauigkeiten aufweist und dass sie nicht alle Sehfehler am Auge erfassen kann, weshalb es eben trotzdem wichtig ist, dass ein Augenarzt mal überprüft, ob nicht sonstige andere versteckte Fehler im System oder Organ stecken.

Es ist daher empfehlenswert, bei der Diagnose eines versteckten Schielens auf jeden Fall den Rat eines guten Augenarztes beizuziehen und eine eventuelle Therapie in gemeinsamer Absprache zu planen.

Ueber die klassischen Behandlungsmethoden des Schielens und die orthoptischen Massnahmen wie z.B. Pflaster (auf die Brille, nicht unbedingt auf’s Auge) und «Stärkung» des sehschwachen Auges kann man besonders im Internet recht wirres Zeug lesen. Vieles stimmt in den gemachten Aussagen nicht oder beruht auf Unwissen. So gibt es z.B. seit geraumer Zeit Studien, welche den Beweis der Notwendigkeit und des Sinnes einer Amblyopiebehandlung erbracht haben.
Obwohl von Seiten des Verbandes, welcher die MKH massiv unterstützt und dessen Verbreitung progagiert (IVBV), immer behauptet wird, er sei neutral und nur an der fachwissenschaftlichen Untermauerung dieser genialen Methode interessiert, zeigt sich doch immer wieder, dass dies nicht ganz stimmt. Erstens konnte noch immer nicht gezeigt werden, was genau wir messen, denn 95% aller Probanden geben unter MKH eine Winkelfehlsichtigkeit an, auch wenn sie keinerlei Beschwerden haben (eine Messmethode also, die uns viele falsch Positive liefert), zweitens wird auch von Seiten des IVBV immer wieder mal etwas Falsches behauptet (wie man sich gerne in diesen Streitereien gegenseitig Ungenauigkeiten vorwirft). So wird immer behauptet, die Messmethode nach MKH bestehe aus einer natürlichen Messtechnik, wohingegen die übliche Augenglasbestimmung ein sehr unnatürlicher Vorgang sei, was die späteren Probleme beim Tragen der Brille verursache. Diese Aussage stimmt so sicherlich nicht. Erstens gibt es viele weitere Gründe für Glasunverträglichkeiten, zweitens ist die MKH definitiv keine «natürliche» Messmethode. Auch hier wird im Ueberkontrast (beleuchtetes Testfeld) gearbeitet, und ich würde gerne mal wissen, was am Vorhalten von polarisierten Filtern vor beide Augen eigentlich noch natürlich sein soll!?

Mehr Informationen über Winkelfehlsichtigkeit und MKH erhalten sie auch hier. Eine sehr schöne Uebersicht zum Problem finden Sie auch in Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Winkelfehlsichtigkeit

Abschliessend möchte ich betonen, dass es auch viele Augenärztliche Praxen gibt, in den ein Pola-Test steht, der dann zusammen mit anderen Messmethoden benutzt wird (wie z.B. in meiner Praxis), und dass es trotz der offensichtlichen Meinungsverschiedenheiten, die hier bestehen, in der Regel das Anliegen aller Beteiligten ist, nur das Beste für den Patienten zu wollen, was man dann jeweils zugute halten sollte. Es ist nämlich unbestritten, dass es Fälle gibt, in denen eine Prismenbrille die beste Form der Korrektur bzw. Behandlung darstellt.
Es ist also jeweils auch mein Bestreben, eine optimale Zusammenarbeit anzustreben und das Wohl des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen, wissenschaftlicher Hickhack hin oder her.

Für weitere Fragen und Auskünfte steht der Autor wie immer zur Verfügung.

© Dr. Dietmar W. Thumm
Augenchirurgie FMH
Bahnhofplatz 4
6002 Luzern
Tel. 041 226 30 10
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Email Dr. med. Dietmar W.F. Thumm, Luzern