Augenklinik Sursee   Beratung und Behandlung in entspannter Atmosphäre
 

Augentraining

Eine Zusammenfassung und einige Überlegungen und Kommentare
zu diesem Thema.

Hintergrund / Geschichte

Angefangen hat alles bei Dr. William Bates, einem New Yorker Augenarzt, der sich wunderte, warum seine Patienten oft sehr grosse Schwankungen in der Sehfähigkeit hatten, und warum er oft innerhalb relativ kurzer Zeit stärkere Brillen verordnen musste. Er entwickelte eine Theorie, die nicht auf Vererbungsmechanismen beruhte, sondern dass eine Verspannung oder eine Schwäche der Augenmuskeln infolge falscher Sehgewohnheiten oder seelischer Spannungen den Augapfel verformt und damit die Fehlsichtigkeit erzeugt.

Er fand einige Methoden zur Therapie heraus. Ein wichtiger Bestandteil ist die Entspannung der Augenmuskeln, er erfand aber auch ein echtes "Training" der Augenmuskeln, das mit Hochleistungssport für’s Auge zu vergleichen ist. (Man muss pro Tag 1,5 bis 2 Stunden üben!). Das Wichtigste bei ihm ist Licht, er entwickelte das Sonnenbaden mit dem Gedanken, dass es ein Gleichgewicht zwischen Hell und Dunkel geben muss.

Man muss dazu allerdings wissen, dass – obwohl seine Therapien in manchen Fällen nützten – die Bates’schen Theorien der Entstehung der Myopie (Kurzsichtigkeit) wiederlegt werden konnten. Es gibt von ihm auch keinerlei vernünftige Theorie zur Übersichtigkeit (Hyperopie), und wie wir heute wissen, ist diese besonders nördlich des Aequators häufiger als die Kurzsichtigkeit. (Kleine Klammerbemerkung: Auch in bezug auf die Fehlsichtigkeiten gibt es ein Nord-Süd-Gefälle! Interessanterweise gibt es ausgerechnet bei den Japanern, die keine geeignete Nase zum Tragen von Brillen haben, die meisten Kurzsichtigen: Da die Japaner schon sehr früh zur Schule gehen und sich mit ihren 25'000 Lesezeichen herummühen müssen, war dies epidemiologisch schon lange ein Ausgangspunkt zur Erforschung der Kurzsichtigkeit: Wieviel ist vererbt, wieviel schlicht Adaptation an die häufige Naharbeit?- Heute wissen wir ein bisschen mehr darüber, siehe unten).

Es gibt allein bei der Kurzsichtigkeit mindestens 5 verschiedene Formen, wie wir heute wissen. In unseren Breitengraden sind nur etwa 35% tatsächlich abhängig vom Verspannungsgrad der Augenmuskulatur und der Psyche. Dass es aber eine solche Abhängigkeit gibt, ist heute unbestritten.

BATES und Licht = Vorsicht:

Mit dem Lichtbaden ist das nämlich so eine Sache. Zwar ist nachgewiesen, dass wir z.B. weniger depressiv werden, wenn wir genügend Lichtenergie aufnehmen können, andererseits ist ebenfalls nachgewiesen, dass die Zunahme der Maculopathien (der schwerwiegenden, oft zur sozialen Erblindung führenden Degeneration der zentralen Netzhautanteile) mit der erhöhten Aufnahme von UV und Lichtquanten korreliert. Die wieder in Mode gekommenen Sonnenbrillen werden deshalb von den Fachleuten begrüsst, sie gewährleisten einen besseren Schutz der Augen.

Wie läuft der Sehvorgang ab

In den Sehzellen auf der Netzhaut ist Sehpurpur (Rhodopsin) gespeichert. Tritt Licht ins Auge, wird dieser Sehpurpur gespalten, dabei kommt es zu chemischen Veränderungen, die Calcium in die Zelle einströmen lassen. Dieser Calcium-Ionen-Austausch verändert die Polarisation der Zelle, die wie eine Batterie wirkt: Es wird "Strom" frei, der über die Nerven fortgeleitet wird. Zum Aufbau des Sehpurpurs benötigt die Sehzelle Vitamin A. Von daher kommen all die Geschichten (z.B. vom Hasen, der keine Brille braucht, weil er immer Karotten isst) über das Vitamin A, das zum besseren Sehen helfen soll. In Testreihen wurde allerdings gezeigt, dass bei hohem Vitamin A-Spiegel das Dämmerungssehen z.B. wirklich besser ist. Aber selbstverständlich nützt es nichts, wenn wir nun Unmengen Vitamin A in uns reinstopfen und eine Lebervergiftung riskieren, wenn wir nicht auch die anderen Stoffe zu uns nehmen, die für einen ausgeglichenen Stoffwechsel (auch im Auge) nötig sind. Der Sehvorgang ist ein hochkomplexes Geschehen, das mit der Spaltung des Rodopsins durch Photonen in den Zapfen und Stäbchen auf der Netzhaut beginnt.

Dass der Lidschlag für die Regeneration des Auges (Wiederaufbau des Sehpurpurs) extrem wichtig ist, wurde schon mehrfach gezeigt. Ein ganz Findiger hat einmal nachgemessen, dass das Auge allein durch das Blinzeln fast 50 Minuten pro Tag geschlossen ist(!). Wie sehr die Sehzellen unter zu viel Licht leiden, hat besonders Frau Prof. Remée in Zürich gezeigt: Nach einigen Stunden Lichtexposition haben die Sehzellen praktisch kein Rhodopsin mehr (histologisch sieht das aus wie Emmentaler Käse).

(Gestörtes) Gleichgewicht:

Auch dazu gibt es einiges zu sagen. Eine besonders interessante Theorie hat dazu ein Herr Namens Trichtel entwickelt. Sein Buch über die psychologischen Zusammenhänge des Sehens ist ausserordentlich lesenswert, wenn auch manches darin heute überholt ist. Er hat ein sogenanntes "Licht-Maladaptations-Syndrom" postuliert: Nicht alle Augen können sich gleich gut auf die unterschiedlichen Sehbedingungen einstellen. Augen mit mehr Mühe entwickeln dann auch entsprechende Seh- und Brechungsfehler (so seine These).

In der Homöopathie spricht man von der Dyskrasie, dem Ungleichgewicht der Körpersäfte. In der Akupunktur hat das Yin-Yang-Prinzip schon vor 5000 Jahren Einzug gehalten. Jede Religion zielt am Ende darauf hin, ein inneres und ein äusseres Gleichgewicht zu schaffen. Es ist also sicherlich nicht falsch, wenn wir davon ausgehen, dass eine Krankheit ein Ungleichgewicht im System (in welchem auch immer) darstellt. Am Schluss bleibt nur die Frage, ob es sich bei einer Refraktionsanomalie (also z.B. einer Hornhautverkrümmung) um einen Systemfehler oder nur um funktionelle Störungen oder Abweichungen von der Norm handelt. Diese Frage ist wissenschaftlich noch nicht abschliessend beantwortet (und hängt sicherlich von der Stärke der Abweichung ab: Wir kennen bereits eine sogenannte maligne Myopie, die schwere hochgradige Kurzsichtigkeit, welche in jedem Fall eine Krankheit darstellt und mittels Augentraining überhaupt nicht beeinflusst werden kann).

Steinzeit und Neuzeit, oder: Der Vergleich mit den Schuhen

Wenn wir uns mit Fragen der Entwicklung der Medizin beschäftigen, müssen wir uns auch vergegenwärtigen, dass trotz hohem Zivilisationsgrad unser Körper noch sehr steinzeitlich geblieben ist. Früher sind wir durch den Wald gerannt, haben Tiere gejagt und Beeren gesucht, im übrigen sind wir aber auf der faulen Haut vor oder in der Höhle gelegen. Heute beanspruchen wir unseren Körper in ganz anderem Mass, wir verlangen auch Dinge, für die er gar nicht konstuiert wurde. Wir sind nicht gebaut für isometrische Arbeit, aber gerade das Sitzen am Bildschirmarbeitsplatz ist diesbezüglich extrem: Ständig die gleiche Haltung, kaum Bewegung. Deshalb gibt es Haltungsschäden, Verspannungen der Nackenmuskulatur, Sehnenscheidenentzündungen und so fort. Es ist also äusserst sinnvoll, nicht nur alle 20 Minuten um den Schreibtisch zu turnen und Purzelbäume zu schlagen (nur nicht vor dem Chef!), sondern auch mit den Augen "Zimmerhüpfen" zu vollführen.

Dass wir für solche Arbeit (vom Chauffeur über den Computerspezialisten bis zum Uhrmacher) sinnvollerweise eine optimierte Augenkorrektur anpassen, ist nicht nur logisch, sondern fast unabdingbar. Zum Skifahren gehen wir ja auch nicht mit den Sandalen, oder? Da findet es jeder logisch, dass wir den Füssen die richtigen Schuhe anpassen. Aber ausgerechnet bei den Augen wollen wir sparen.

Es ist interessant zu wissen, dass bei durchschnittlicher Tragezeit einer Brille die Stunde gutes Sehen mit Korrektur noch etwa 7 Rappen kostet. Für vieles andere im Leben geben wir jedenfalls weit mehr aus.... Dies gilt sinngemäss natürlich auch für jede andere Korrektur wie Kontaktlinse, Laser etc.

Keine Brille mehr tragen:

Hier ist sehr viel Vorsicht geboten, weil da am meisten Unsinn in der Literatur herumgeboten wird. Im Erwachsenenalter spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob wir eine Brille tragen oder nicht, weil es den Augen eigentlich egal ist, wie oder was sie sehen. Dem Computer im Hinterkopf (also der sogenannten Sehrinde im Hirn) bereitet es schon Mühe, wenn er aus total unscharfen Konturen irgendein vernünftiges Bild konstruieren soll, solange wir aber nicht Auto fahren (Gefährdung anderer!!) oder frustriert im Kino sitzen, kann uns das ja egal sein.

Anders sieht die Sachlage bei Kindern aus! Wir wissen heute, dass wir durch Projektion scharfer Bilder die Entwicklung der Netzhaut steuern können. Es ist also nicht egal, wie gut ein Kind sieht. Wir wissen heute allerdings auch, dass wir die Neigung zu Verspannungen ebenfalls durch entsprechende Korrekturen beeinflussen können. Manchmal ist es also sogar sinnvoll, eine entsprechende Brillenkorrektur zu tragen, da das Auge unter der Brille (wenn korrekt angefertigt und ausgemessen) mehr entspannt ist, als ohne Brille!

Dies gilt insbesondere für Hornhautverkrümmungen und Übersichtigkeiten, und diese sind in unseren Breitengraden bei Kindern sogar häufiger als Kurzsichtigkeiten. Bei den Übersichtigkeiten konnte gezeigt werden, dass das regelmässige Tragen einer Brille sogar dazu führen kann, dass der Brechungsfehler verschwindet. Für Hornhautverkrümmungen (nicht alle, aber die meisten) gilt das leider nicht, da dahinter die vererbte Architektur der Hornhaut steckt, und die können wir bis anhin schlecht beeinflussen.

Das von Bates "erfundene" Augentraining (das er übrigens hauptsächlich für Kurzsichtige entwickelt hat) beruht auf einem falschen Prinzip, nützt allerdings trotzdem etwas. Es muss uns aber klar sein, dass dieses Training, ernsthaft betrieben, keinesfalls der Entspannung der Augen dient, im Gegenteil: Es bedeutet Hochleistungssport (und der ist bekanntermassen nicht besonders gesund). Wir bringen bei diesem Training nicht so sehr den Augen was bei, als dem Gehirn. Es lernt, aus wenig Information viel herauszuholen. Da dies einer Hochleistung entspricht, ist diese Leistung auch nur relativ kurzfristig verfügbar. Aus diesem Grunde ist es gar nicht möglich, über längere Zeit ohne Brille so scharf zu sehen wie mit Brille, aber kurzfristig sind solche Leistungssteigerungen möglich.

Verschiedene neuere Augentrainingsmethoden

Die vielen Überlegungen zum "Sehgleichgewicht" haben verschiedenste Lehrmeinungen und Gruppierungen auf den Plan gebracht, die nun um ihre Kunden buhlen.

Eine besonders aktive Gruppe in der Schweiz ist die Internationale Vereinigung für Binoculare Vollkorrektion (IVBV). Diese besonders aus Optikern zusammengesetzte Vereinigung benutzt eine Mess- und Korrektionsmethode nach Hans Joachim Haase. Dabei wird nicht so sehr ein Training angestrebt als viel mehr versucht, dem Auge die überhaupt grösstmögliche Korrektur zu verpassen. In manchen Fällen von verstecktem Schielen kann die Methode allerdings recht hilfreich sein.

Andere wiederum beschäftigen sich mehr mit den Farbtheorien. Von Goethe bis Unsinn ist hier so ziemlich alles zu finden, angeregt wurden viele dieser Ideen durch die Komplementär-Mechanismen, die im Auge implementiert sind: Schauen wir z.B. eine rote Fläche an, anschliessend eine weisse Wand, so sehen wir auf dieser eine leicht grüne Fläche in der Grösse der betrachteten roten Fläche (Kontrastfarbe). Manche Leute trainieren nun diese Phänomene oder lassen das Auge auf Farben "ausruhen". Dabei soll man monochromatische Farben benutzen, da polychromatische Farben (wie sie in der Natur anzutreffen sind(!)) das Auge eher anregen als beruhigen sollen. Dies allerdings kann genutzt werden, um eben das Auge anzuregen oder farbenmässig zu trainieren. – Ob gewisse beobachtbare Phänomene mit Farben nicht eher auf der psychologischen Ebene angesiedelt sind, ist noch nicht definitiv bewiesen. Angaben dazu findet man z.B. im Buch "Augentraining" von Wolfgang Hätscher-Rosenbauer, im Midena- und Weltbildverlag erschienen.

Eine noch andere Lehrmeinung befasst sich mit der Hypnose (Lisette Scholl), die aus den bisherigen mässigen Erfolgen schliesst, das Sehen beinhalte viel Unbewusstes, das nur so aufgearbeitet werden könne. Dabei allerdings werden wohl viele Dinge etwas durcheinandergebracht, und wir bewegen uns mehr auf dem Gebiet der Wahrnehmung denn des Sehens (siehe weiter unten). Dass Hypnose helfen kann, ist allerdings unbestritten. Die Frage bleibt nur, welche Mechanismen dabei wirksam sind.

Umdenken? Umsehen?

Dass sich in der Bevölkerung so eine Art Bewusstseinsbildung für anderes Verhalten (Gesundheit, Umwelt, Soziales etc.) herausbildet, ist gut. Hingegen muss man aufpassen, dass man auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge nicht der weit verbreiteten Scharlatanerie aufsitzt. Dies gilt auch auf dem Gebiet des Augentrainings. Machen Sie sich die Sehvorgänge wieder mehr bewusst, gönnen Sie Ihren Augen, Ohren und anderen Sinnesorganen schöne Eindrücke, aber auch zeitweise Entspannung und Ruhe.

Es ist auch nicht unbedingt so, dass ein Augenarzt oder Optiker, der beim Thema Augentraining den Kopf schüttelt, dies nur aus wirtschaftlichen Überlegungen tut.

Solange sich unsere Zivilisation in Richtung immer mehr Hightech und immer mehr Elektronik und Computer und was weiss ich noch alles (alle wollen ein Handy, nur die Antennen will niemand!) entwickelt, ist es leider auch so, dass wir unserem Sehapparat, der noch aus der Steinzeit stammt, eine Unterstützung geben müssen. Würden wir nur Schafe züchten und Schweine hüten, könnten wir auf Sehhilfen gut verzichten. Aber leider müssen wir in Bildschirme stieren und Fahrpläne lesen und Busnummern studieren und und und....

Aber vielleicht zeigt uns das ja alles nur, dass wir unserem ganzen Körper, und damit auch dem Sehsystem, genügend Pausen und Erholung gönnen müssen. Dieses Bewusstsein zu lehren und entsprechende Übungen beizubringen, dafür ist das Augentraining sehr gut geeignet.

Sehen und Wahrnehmen

Das Sehen ist wahrscheinlich ein rein chemisch-physikalischer Vorgang. Das Wahrnehmen hingegen ist ein extrem komplexes Geschehen, das manchmal in mehr als 50% unseres Gehirnes nachgewiesen werden kann, ist also quasi ein geistiger Vorgang.

Dass diese Wahrnehmung ausserordentlich subjektiv ist, ist ebenfalls kein Geheimnis: Jeder nimmt das Geschehen um sich herum anders wahr, ein Grund, weshalb Zeugenaussagen immer so unterschiedlich ausfallen.

60% aller Nervenfasern in unserem Körper sind irgendwo mit dem optischen System verschaltet! 80% aller Lernvorgänge geschehen visuell! Der Sehnerv hat 1 Mio. Nervenfasern, der Hörnerv "nur" 40'000. Es ist also tatsächlich so, dass unser Sehsystem eine gewisse Wichtigkeit hat, und sich auch die Bewusstseinslage, Unwohlsein, Krankheit, Hormonschwankungen und Stoffwechsel auf die Sehqualität auswirken können.

Folgerichtig sollten wir zu unserem Sehen also auch Sorge tragen.