Auge und Allergie
Besonders im Frühling und Frühsommer ist dies ein Thema, welches die Betroffenen stark beschäftigt. Über die Hälfte aller Heuschnupfenpatienten haben ihre Symptome nur oder zuerst am Auge. Und Allergien werden immer häufiger.
Dieser Artikel soll lediglich eine kleine Übersicht über das Thema geben, die Entstehung von Allergien zu erklären versuchen und Hinweise zur Therapie liefern.
Das Auge ist durch eine direkt der Umwelt ausgesetzte Schleimhaut geschützt: Die Bindehaut. Interessanterweise finden sich in dieser auch Abwehrzellen, welche in dieser Form sonst nirgendwo im Körper gefunden werden (z.B. eine besondere Sorte von Mastzellen). Auch in der Tränenflüssigkeit finden sich Abwehrstoffe in grosser Zahl, unspezifische (wie z.B. Lysozym) und spezifische (besonders IgA und IgE, aber auch IgM).
Grundsätzlich stellt auch am Auge die Allergie eine unnötige und übertriebene Immunantwort auf einen inadäquaten Reiz dar. Die meisten Allergien sind IgE-vermittelt. Dieses Abwehrsystem ist phylogenetisch jünger als das zelluläre und humorale System und dient primär der Abwehr von Parasiten. Der weitere Sinn bleibt uns bis heute verborgen (da es, wie das Beispiel der Allergiehäufung zeigt, mit ziemlichen Fehlern behaftet ist).
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Was passiert bei einer Allergie?
Theoretisch kann man sich das Immunsystem wie einen Polizeiapparat vorstellen. In der Bindehaut sitzen Zellen, welche als eine Art Grenzpolizisten angesehen werden können. Sie sind mit speziellen «Listen» ausgerüstet, die die bösen Feinde charakterisieren. Kommt nun ein solcher «böser Feind» (Virus, Bakterium etc.) auf’s Auge, schlagen die Zellen Alarm (indem sie eine Reihe von Botenstoffen ausstossen), und ein ganzer Schwarm von diversen Abwehrspezialisten stürzt sich auf die Region, wo der alarmierende Polizist steht.
Es kommt nun vor, dass diese Genzpolizisten in der Schule nicht gut aufgepasst haben und mit falschen Listen herumstehen. Kommt nun ein harmloses Pollenkorn (zum Beispiel), und der Polizist schlägt Alarm, so handelt es sich eben um eine allergische Reaktion: Unnötig viel Lärm um nichts.
Eine besondere Form der Allergie sind die Autoimmun-Krankheiten. Bei dieser bilden sich aufgrund falsch gesetzter Reize Antikörper gegen körpereigene Substanzen aus und die Allergie richtet sich gegen den eigenen Körper.
Symptome am Auge
Haben wir ein gereiztes Auge vor uns, so können wir mit relativ einfachen Mitteln unterscheiden, ob die Ursache eher allergischer, bakterieller oder viraler Natur ist. Ein hauptsächlich seröses Sekret deutet in den meisten Fällen auf eine Allergie hin.
Diese unterscheidet sich dann ebenfalls durch die verschiedenen Symptome und Begleiterscheinungen, welche in einer vereinfachten Tabelle etwa so dargestellt werden können:
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Grundsätzliches Erstsymptom einer Allergie ist ein heftiges Beissen, meist ohne Brennen, eine ausgeprägte Schwellung, manchmal sogar ohne Rötung, und ein begleitendes Tränen.
Längerdauernde Allergien können dann durchaus eine stark störende Lichtempfindlichkeit auslösen und auch begleitendes Brennen, Verkleben der Augen oder gar Schmerzen. Bei der für die Evaluation unabdingbaren Erfassung der Krankengeschichte besonders zu beachten sind die Kreuzreaktionen (Nahrungsmittel, Medikamente). Wichtig ist auch in Erfahrung zu bringen, ob man schon als Kind empfindlich reagiert hat (Nesselfieber, eventuell Milchschorf als Baby, früh schon Heuschnupfen).
In der Regel ist eine Allergie an den Augen immer beidseitig, es sei denn, es handle sich um eine direkte Kontakt-Allergie (Augentropfen nur in einem Auge, z.B. Katzenhaar oder Bienenstich, Reiben mit kontaminiertem Finger in einem Auge etc.), ein leichter Seitenunterschied ist aber nicht so selten.
Klinik
Im Anschluss möchte ich einige typische klinische Bilder präsentieren.
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Typische allergische Bindehautschwellung Typische allergische Bindehautschwellung, die Flüssigkeitseinlagerung in der Bindehaut ist im Spaltlicht besonders gut zu sehen. Gut beobachtende Patienten sehen «ein Häutchen auf dem Auge wachsen». Natürlich wächst nicht wirklich eine Haut, sondern die Bindehaut bildet eine Blase. |
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Wenig Reizung bei Heuschnupfen Klassischerweise sieht man beim Heuschnupfen nur relativ wenig Reizung (keine «Bindehaut-Entzündung» im klassischen Sinne), bei Kindern ist oft ausser einem wässrigen Sekret mit manchmal ein paar Schleimfetzen (Pfeil) gar nichts zu sehen. |
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Schwellung des Lides bei Katzenhaar-Allergie Die sehr weiche und viel Flüssigkeit aufnehmende Lidhaut kann gewaltig anschwellen. Schwellung des rechten Lides bei Katzenhaar-Allergie. Therapeutisch hilft spülen und kühlen bereits enorm, was der Patient bzw. die Patientin auch bei sich zuhause durchführen kann. Reizmildernde und eventuell vasokonstringierende (gefässverengende) Augentropfen können zusätzlich verwendet werden, wenn keine rasche Besserung eintritt. Es gibt schnell wirkende Antihistaminika (wie z.B. Emadine®), welche das lästige Beissen innert Sekunden reduzieren können. |
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Chronische Keratoconjunktivits vernalis Chronische Keratoconjunktivits vernalis, typischerweise bei männlichen Jugendlichen mit allergischer Vorgeschichte auftretend (häufig im Frühling, manchmal auch im Sommer oder Herbst) |
Die Ausprägungen der allergischen Reaktionen am Auge sind sehr unterschiedlich. Gefahr besteht bei heftigen Reaktionen, welche vor allem auch länger als 24 bis 48 Stunden anhalten, für die Hornhaut. Am bekanntesten hierfür ist das Stevens-Johnson-Syndrom und Lyell-Syndrom (schwere allergische Reaktionen am ganzen Körper, Patient muss hospitalisiert werden), welches schwere Hornhaut-Geschwüre nach sich ziehen kann, die zu totaler Vernarbung und damit zur Blindheit führen können. Bei solchen schweren allergischen Reaktionen mit extremer Verschleimung ist es auch wichtig, täglich den Bindehautsack (Tarsus) auszuwischen, um Verklebungen und Synechienbildung zu verhindern. Bei einem solchen Patienten, der in der Regel auf einer entsprechenden Abteilung hospitalisiert ist, gehört tägliche fachärztliche Betreuung zum absoluten Muss.
Abgegrenzt werden davon muss die Rosacea, eine Akne-artige Haut-Erkrankung, welche mit erheblicher Augen-Beteiligung einhergehen kann und sich wie ein chronisch allergisches Geschehen äussern kann. Chronische Lidrandentzündungen und Trockenheits-Symptome sollten immer mal das ganze Gesicht genau betrachten lassen. Nicht immer sieht man das Schmetterlings-Ekzem, und im Bedarfsfalle ist ein dermatologisches Konsilium sehr hilfreich. Die entsprechende Therapie mit Tetracyclinen bringt sofortige Linderung.
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Patient mit Rosacea
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Therapie
Ganz wesentlich zur optimalen Behandlung gehört die Allergie-Karenz (Vermeidung der auslösenden Stoffe!). Leider wird immer wieder vergessen, dass auch Augentropfen eine ganze Anzahl potentieller Allergenzien enthalten, insbesondere zählen fast alle Konservierungsstoffe dazu. Am besten eignet sich für einen Allergiker also eine Therapie mit Einzeldosen. Noch gibt es nicht allzu viele Substanzen in dieser Aufbereitung auf dem Markt, das Problem ist aber erkannt und wird in den nächsten Jahren zu etlichen neuen Produkten führen. Einsetzbar ist in der Schweiz z.B. Spersallerg SDU® und Zaditen Ophta® in Einzeldosen, daneben ist auch Emadine® , ein sehr potentes Antihistaminikum, in Einmaldosen erhältlich.
Was wir mit einer antiallergischen Therapie erreichen wollen, ist wenn immer möglich das Entfernen der «falschen Polizisten» am Ort des Geschehens. Da Allergien immer häufiger werden (inzwischen rund fast 14% der Bevölkerung) ist man danach bestrebt, bei der Therapie, die oft lange Zeit durchgeführt werden muss, keinen zusätzlichen Schaden anzurichten. Medikamente, die also die tatsächliche Allergie herunterregulieren (z.B. Desensibilisierung) sind einem breitflächigen symptomatischen Bombardement vorzuziehen. Es wurden deshalb auch viele alternative Methoden gesucht und ausprobiert, nicht alle mit gleichem Erfolg. Sehr gut dokumentiert ist z.B. die Akupunktur und ganz ordentliche Resultate sieht man auch bei der Homöopathie (ist dort sehr von der Güte des Homöopathen abhängig), nicht besonders gut dokumentiert auf diesem Gebiet ist z.B. die Bioresonanz und auch die Bachblütentherapie. Gar keine Wirkung hat die Atlas- und Vitalogie.
Pharmako-Therapeutisch haben wir Zugriff auf folgende Substanz-Gruppen:
- Antihistaminika (Achtung: Hemmen nicht die Produktion, nur die Wirkung an den Rezeptoren), die teilweise lokal getropft und in grosser Zahl als Tabletten eingenommen werden können
- Mastzellstabilisatoren, welche die Histamin-Ausschüttung blockieren, die älteste Substanz ist Chromoglycat (z.B. Cromosol®), neuere sind Nedocromil (Tilavist®), Lodoxamid (nicht mehr im Handel) und Spagluminsäure (hoffentlich bald wieder im Handel), Ketotifen als Zwei-Komponenten-Substanz und Olopatanol, eine Substanz, welche drei Wirkmechanismen gleichzeitig aufweist.
- Sogenannte Nicht-Steroidale Entzündungshemmer wie z.B. Voltaren Ophta® oder Acular® (letzteres ist sehr gut dokumentiert)
- Steroide, die sehr unspezifisch wirken aber wegen ihrer enormen Stärke (Potenz) in schweren und hartnäckigen Fällen sehr geschätzt werden, manchmal sogar unvermeidlich sind, um Folgeschäden am Körper zuverhindern.
- Cyclosporin A, das die Stimulation der B-Zellen herunterreguliert (als Augentropfen nur mit Mühe erhältlich und in jeder Form mit unangenehmen Nebenwirkungen behaftet)
- Unspezifische Adjuvantien, wie z.B. gefässverengende Mittel (sogenannte «Weissmacher»)
- Desensibilisierung (wirkt nicht bei isolierter oculärer Pollinosis, also simplem «Heuschupfen»)
Bei schwereren Verlaufsformen ist eine Kombination von Pharmakotherapie, Allergen-Vermeidung und Immunotherapie oft unumgänglich. Die genaue Kenntnis der Genese und der entsprechenden Wirkungsmechanismen der Therapeutica hilft enorm, die oft unangenehmen Symptome möglichst rasch zu mildern.
Allergiker brauchen, das ist eine Binsenwahrheit, eine stete ärztliche Begleitung und kontinuierliche Betreuung. Die psychischen bzw. psychologischen Komponenten dürfen niemals ausser Acht gelassen werden.
Entsprechend ist des öfteren ein multidisziplinäres Vorgehen angezeigt. Ein Poliallergiker stellt für den koordinierenden Hausarzt eine echte Herausforderung dar.
Adresse des Autors:
Dr. med. Dietmar W. Thumm
Bahnhofplatz 4 / PF 4844
6002 Luzern
Tel.: 041 226 30 10
Fax: 041 226 30 15
www.augenarzt-lu.ch
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